Havnnes ist ein gut erhaltener, denkmalgeschützter Handelsplatz aus dem 19. Jh, der mitten in Nordnorwegens großartiger Natur liegt. Vergessen Sie Führungen und Öffnungszeiten – Havnnes ist kein Museum, dieser Handelsplatz ist noch immer in Betrieb.

Am Sund unter den Lyngsalpen

Man sieht es schon auf der kleinen Fährentour über den Rotsund: Havnnes mit seinen alten, weißen Häuschen schwebt auf einer flachen Landzunge über dem Wasser. Es ist von Wiesen und Wald umgeben und die 1500 m hohen Gipfel der Lyngsalpen bilden einen wilden und zerrissenen Hintergrund. Die 10-minütige Überfahrt zu Norwegens nördlichstem intaktem Handelsplatz ist nur ein Abstecher von der E6 entfernt und bietet Kulturgeschichte, Küstenalltag und eine fantastische Aussicht.

Eine bewahrte Anlage

Das Haupthaus „Storgården“ wurde in den 50er- und 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut und ist das Zentrum der Anlage. Es ist von einer Reihe Häusern umgeben, davor liegt ein Garten mit Taubenschlag. Zum Sund hin sind die Häuser weiß gestrichen, zum Wald hin dagegen rot. Die rote Farbe war billiger und wurde dort benutzt, wo es kaum einer sah. Das exklusive Weiß dagegen strahlte zum Sund und den darauf verkehrenden Schiffen hinüber. Havnnes ist aber kein Museum – die Einwohner treffen sich im Laden, Kinder spielen am Kai, der Gabelstapler transportiert Dörrfischpaletten und Fischerboote legen an.

Viele kleine Häuser

Die Jungfernstube aus dem 18. Jahrhundert ist das älteste Haus des Handelsortes. Die älteren, unverheirateten Frauen der Familie wohnten hier. Fast genauso alt ist die Bürgerstube. Handelsrechte zu haben, hieß auch, viele Pflichten zu haben, u. a. musste man eine Bürgerstube für Reisende einrichten, die Richtung Norden oder Süden unterwegs waren und in Havnnes Halt machten. Als „Bank“ wird ein Haus von 1850 bezeichnet, das nach 1900 der Hauptsitz der Skjærvø Sparebank wurde.

Laden und Sommercafé

Der Laden von 1916 ist noch geöffnet. Ihn zieren altmodische Reklameplakate, die für alles, von Seife bis Kaffee, werben. Ein Problem dagegen war die Reklame für Tabak oder Bier. „Probieren auch Sie ein Glas Bier!“ ist hier natürlich verbotene Alkoholreklame, aber mit einer Spezialzulassung durften sie hängen bleiben. Die Werbung für „Sanitätsprodukte“ in anonymer Verpackung (ja, genau das, was Sie glauben) wäre heute dagegen etwas pikant.

Dörrfisch

Der Dörrfisch ist unser ältestes Exportprodukt. Traditionsgemäß kaufte der Handelsort Havnnes den Dörrfisch von den Fischern. Als diese aufhörten, den Fisch selbst zu trocknen, begann man in Havnnes mit einer eigenen Dörrfischproduktion. Heute kann man in den Dörrfischlagern die großen Stapel, die für den italienischen Markt vorgesehen sind, bestaunen. Auch Salzfisch wird hier hergestellt.

6000 Jahre Geschichte

Im Wald bei Havnnes wurden großen Mengen Speer- und Pfeilspitzen gefunden. Einige davon sind aus Stein und kommen von der Halbinsel Kola. Es sieht fast so aus, als wäre dies eine Art Serienproduktion von Steinwerkzeugen, was die Archäologen natürlich überraschte. Bis zum 17. Jh überwog die samische Kultur in diesem Gebiet, von da an aber begannen Norweger und Dänen sich am Rotsund niederzulassen.

Handelsplatz

Havnnes liegt auf einer Landzunge am Eingang des Rotsunds. Von hier aus kann man in den Lyngenfjord oder nach Süden Richtung Tromsø bzw. nach Norden Richtung Skjervøy und Finnmark fahren. 1784 bekam Havnnes die Gastgeberzulassung, also das Recht Handel zu betreiben. 1795 kam die Familie Giæver nach Havnnes, welche seitdem den Handelsort als Fischhändler, Ladenbesitzer, Großbauern, Fischerbootreeder, Industriegründer und Bankchefs betrieben haben. Heute sind sie hier in der siebten Generation.

Mutter Lyng

Eine der bekannten Persönlichkeiten der Giæver-Familie ist Mutter Lyng, die im frühen 19. Jh den Ort bewohnte. Sie gebar 12 Kinder, die alle starben. Deshalb nahm sie ganze 32 elternlose Kinder zur Pflege auf und sorgte dafür, dass diese die Berufe ihrer verstorbenen Eltern lernten: Seemann, Fischer, Bauer usw. Ihre Fürsorge für die Armen ist legendär. Sie starb 1845.

… daher nicht zerstören …

Gegen Ende des Jahres 1944 wurden die Einwohner zwangsevakuiert und ihre Häuser zerstört, da sich die Deutschen aus der Nordtroms und Finnmark zurückzogen. Die Giæver-Familie zog nach Trondheim und lebte lange in der Ungewissheit, was aus dem Handelsplatz geworden war. Im Frühjahr 1945 kam der damalige Besitzer Johannes Giæver zurück und fand den Ort so vor, wie er ihn verlassen hatte. Auch ein Schild aus Zellulose wurde gefunden, darauf stand auf Deutsch: „Kulturell wertvoll, daher nicht zerstören.“ Die Zellulose-Platte hängt heute eingerahmt im Laden.

Besuch in Havnnes

Havnes ist auf der exclusive Liste der norwegischen Kulturerbe, Olavsrosa, zu finden, Havnnes ist von der E6 aus leicht zu sehen. Die Fähre über den Rotsund fährt jedoch nicht oft am Tag, Sie sollten also gut planen. Da das Wegenetz auf Uløya begrenzt ist, ist es besser, das Auto auf dem Festland zurückzulassen. Auf Havnnes kann man Boote und Fahrräder ausleihen. Es gibt markierte Touristenwege für leichte Wald- und schwierigere Bergwanderungen. Informationen dazu bekommen Sie im Laden. Das Haupthaus ist privat, die umliegenden kleinen Gebäude jedoch werden als Unterkünfte vermietet. Der Laden und das Sommercafé sind für alle zugänglich und man kann sich eigenständig umsehen. Viele kommen natürlich während des Havnnes-Festivals am ersten Wochenende im August. Die Internetseite des Ortes lautet www.giaever.net Alles über das Festival erfahren Sie hier: www.havnnesfestivalen.no. Das örtliche Fremdenverkehrsamt ist Visit Lyngenfjord.