Minus 50 Grad, Orkanböen und zwei Meter Schnee mitten in der Stadt? Das kommt schon einmal vor und dann reisen auch Fernsehteams in den Norden, um spektakuläre Bilder einzufangen. Doch viel häufiger herrscht hier schönstes Winterwetter, bei dem man sich bestens im Freien aufhalten kann!

Am Ende der Welt

Der Blick auf den Globus könnte schon ein wenig einschüchtern: Nordnorwegen liegt nämlich auf der Höhe von Alaska und Sibirien, was nahelegt, dass der Winter in diesem Landesteil nur etwas für Expeditionsgeister und Extremsportler sein kann. Doch wer so denkt, hat die Rechnung ohne den Golfstrom gemacht: Die milde Meeresströmung aus Mexiko sorgt in Nordnorwegen für angenehme Wintertemperaturen, etwas unter dem Gefrierpunkt an der Küste und um die 10-15 Minusgrade im Landesinneren – also perfekt für herrliche Schneeaktivitäten! 

Mitten im Golfstrom

Die Insel Værøy, mitten im Golfstrom gelegen, ist der nördlichste Ort der Welt, an dem die Durchschnittstemperatur über mehrere Monate hinweg nicht unter den Gefrierpunkt sinkt. Auch Vega, Træna, Myken und Litløy räkeln sich gerne bei ein bis drei Plusgraden, während der Frost das übrige Nordnorwegen fest im Griff hat, und auf Røst ist es nicht einmal sicher, ob die Skier zum Einsatz kommen. Große Teile der Küste von Nordland und auch vereinzelt die äußere Region Troms sowie die westliche Finnmark bleiben oft lange Zeit schneefrei.

Minus 51 Grad

Nordnorwegen ist allerdings auch das Land der Kontraste. Der Kälterekord von Karasjok – minus 51 Grad – hat es in sich und Temperaturen von minus 35 Grad sind auf der Finnmarksvidda, im inneren Troms und in der Bergregion Saltfjellet nicht ungewöhnlich. In den Gebirgsstöcken des Okstindan und Børgefjell südlich des Polarkreises liegen die mittleren Wintertemperaturen bei minus 8 bis minus 18 Grad. Diese Regionen sind schon lange vor Weihnachten schneesicher und bieten oft einen wolkenlosen Himmel mit sternenklaren Nordlicht-Nächten. Da die Kälte sehr trocken ist, kann man sich bei angemessener Kleidung dennoch gut im Freien aufhalten. Wir haben jedenfalls noch nie gehört, dass das jemandem zum Verhängnis geworden wäre!

2,4 Meter Schnee

In den Küsten- und Fjordregionen Nordnorwegens sinken die Temperaturen selten unter minus 10 Grad, dafür fällt umso mehr Schnee. Der Schneepflug ist dann Tag und Nacht im Einsatz, an den Straßen türmen sich gigantische Schneeberge auf und zuweilen ist auch einmal ein Abschnitt wegen Lawinengefahr gesperrt. Tromsøs legendärer Schneewinter 1997 mit 2,4 Metern in der Stadt mag beschwerlich gewesen sein, die Narviker jedoch freuten sich über beste Schneeverhältnisse am 1000 Meter hohen Skiberg.

Glatteis

An der Küste wechseln Schnee, Regen und Frost einander ab, das Thermometer springt unentschlossen mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dann wird es schnell extrem glatt, sodass die Streufahrzeuge nicht mehr nachkommen. Nun sind Handgelenke und Oberschenkelhälse in akuter Gefahr, weshalb ein Gleitschutz für die Schuhe, der im Norden überall erhältlich ist, wertvolle Dienste leistet. Bei spiegelglatten Straßen sprechen die Nordnorweger von Klareis oder Spiegeleis. Noch tückischer ist jedoch Blindeis: Dann überdeckt eine dünne Schicht heuchlerischen Schnees das blankgescheuerte Teufelszeug.

Polarer Tiefdruck

Wenn sich kalte Luftmassen vom Nordpol unter die vom Golfstrom erwärmte Luft schieben, werden enorme Kräfte frei: Dann stürmt es, schneit ohne Ende und ein dicker Eispanzer zwingt die Fischerboote zum Müßiggang. Flüge werden ins Landesinnere umdirigiert, die Hurtigruten zieht sich an einen sicheren Ankerplatz zurück und die Passstraßen werden geschlossen. Solche Wetterlagen sind schwer vorherzusagen, jedoch auch zeitlich überschaubar, weshalb man diese „Überfälle“ am besten einfach hinter dem warmen Ofen abwartet. Die Stille danach, untermalt von zauberhaften Schneeverwehungen, ist einmalig schön!

Orkanböen

Auch die vom Atlantik herannahenden Zyklone machen vor Nordnorwegen nicht Halt. Dann sind Orkanböen zu erwarten, weshalb man in den Küstendörfern die Hausdächer lieber im Boden verankert. Auf der Hafenmole von Bodø versuchen Fernsehreporter nun die Stellung zu halten, um Spektakuläres senden zu können, auf den Lofoten fällt bei tausenden Haushalten der Strom aus und im inneren Helgeland geht die eine oder andere Lawine zu Tal. Aufgeregte Extrasendungen setzen diese Tage gern dramatisch in Szene, während die Lokalbevölkerung im Handumdrehen wieder in den Alltag zurückfindet, so auch am Flughafen, wo am Morgen nach einem chaotischen Sturmtag der Linienbetrieb wieder aufgenommen wird, als wäre nichts gewesen.

Wintertipps:

  • Sorgen Sie für warme Kleidung (siehe unseren Artikel über die richtige Kleidung).
  • Behalten Sie die Wettervorhersage im Auge, wenn Sie Aktivitäten in Nordnorwegen planen. Eigentlich muss man nur irgendjemanden fragen – jeder Nordnorweger weiß über das kommende Wetter Bescheid.
  • Naht der Sturm ausgerechnet, wenn Sie einen Flug oder eine Schiffsreise planen, sind Sie mit einer Portion Geduld am besten beraten. Die Angestellten haben die Situation bereits unzählige Male gemeistert und dirigieren alle Gestrandeten souverän an ihr Ziel, sobald sie dies verantworten können. Bei solchen Wetterlagen gehört das Warten einfach zum Reisen!
  • Beschäftigen Sie sich vor Ihrer Abreise mit den Bedingungen des Flugtickets und Ihrer Reiseversicherung. Haben Sie Ihre Heimreise durchgehend gebucht, bucht die Fluggesellschaft das Ticket für Sie um, wenn es zu Stornierungen und Verspätungen kommt. Gilt das Ticket nur für eine Teilstrecke, müssen Sie prüfen, ob Ihre Reiseversicherung ein Ersatzticket für den Anschlussflug übernimmt.
  • Autofahrten sind die meiste Zeit des Winters über unproblematisch. Empfehlungen zum Fahren auf winterlichen Straßen siehe hier.
  • Genießen Sie den Winter in Nordnorwegen! Viele Einheimische halten ihn für die schönste Zeit des Jahres.