Ein Abgrund von fast 1000 m, gefüllt mit bläulichem Eis und Schmelzwasserflüssen ist ein erschreckend schöner Anblick. Begleiten Sie uns auf eine Bootstour in den Jøkelfjorden zum einzigen Ort auf Europas Festland, wo sich ein Gletscher ins Meer ausbreitet.

Blaues Eis

Ruhig steuert Synnøve ihr Motorboot in den stillen Fjord hinein. Immer wieder sieht man den Gletscher hervorlugen, trotzdem frage ich mich, ob nicht die Hälfte der Geschichte erfunden ist. Als sie aber den Motor ausschaltet und uns zum Gletscher hinüber gleiten lässt, staune ich doch sehr. Hoch oben sieht man das blaue Eis in großen Eisbrocken, die im Laufe des Sommers herabstürzen werden. Vom blauen Eis aus geht ein Wasserfall hinab zur Gletscherzunge, die fast bis ans Meer heran reicht. Die Gletscherzunge ist mit blauen Eisklumpen vom Hauptgletscher übersät und hat große Löcher, unter denen sprudelnde Gletscherflüsse entlangrauschen. Der Wasserfall übertönt die Stille zwischen den steilen Berghängen, ansonsten hört man nur die Seeschwalben auf den Felsen vor dem Gletscher.

Ein Blickfang

Synnøve zeigt auf den nächsten Eisbrocken hoch oben, der in den Fjord stürzen wird. Sie erzählt uns, wo die Rentiere im Frühjahr auf ihrem Weg zur Sommerweide den Fjord überqueren, und die Geschichte über die Evakuierten 1944. Trotzdem ist es der Anblick des blauen Eises dort oben, der die Aufmerksamkeit fängt. Selbst als sie dreht und langsam zurückfährt, kann ich meinen Blick nicht vom Gletscher wenden – auch aus der Entfernung sieht er faszinierend aus.

Ausläufer

Der Jøkelfjordbreen ist der einzige Gletscher auf Europas Festland, der Ausläufer im Meer hat, was auf die besondere Topografie der Umgebung zurückzuführen ist. Im Inneren des Jøkelfjorden ragen die Berghänge 800 bis 900 m steil in die Höhe, dorthin, wo der Winterschnee im Laufe des Sommers nicht tauen kann. Wenn der Gletscher sich dann ausbreitet, stürzen große und kleine Eisklumpen in den Abgrund und somit ins Meer. Manche liegen dann als blaue Klumpen auf der Gletscherzunge, andere fallen in den Fjord und lassen Wellen entstehen, die kleine Boote ans Land spült.

Die Gletscherzunge

Auf Bildern vom Ende des 19. Jh. sieht man, dass der Jøkelfjordbreen eine zusammenhängende Zunge ist, die bis in den Fjord hineinragt und eine 10 bis 15 m hohe Gletscherfront bildet. Außerdem erkennt man Felsen, die aus dem Fjord herausragen und die von früheren Endmoränen stammen. Der Gletscher hat sich inzwischen etwas zurückgezogen und die Verbindung zwischen Hauptgletscher und der kleinen Gletscherzunge, die in den Fjord ragt, ist unterbrochen worden. Gletscher wachsen und schrumpfen, und zurzeit schrumpfen sie. Dieser Hauptgletscher aber gehört zu einer der stabilsten in Norwegen.

Der Øksfjordjøkelen

Der Øksfjordjøkelen (samisch: Ákšovunjiehkki) deckt ein Gebiet von 43 km2 ab und ist zurzeit der achtgrößte Gletscher Norwegens. Etwa die Hälfte davon befindet sich in Kvænangen in der Troms, der Rest gehört zu Loppa in der Finnmark. Der höchste Punkt liegt 1204 m über dem Meer und ist gleichzeitig der höchste Punkt der Finnmark. Der Gletscher erstreckt sich in einem Bergmassiv zwischen den Fjorden Kvænangen und Øksfjord und fängt die vom Meer kommenden Niederschlagswolken ab. In 1000 m Höhe fallen im Winter so große Mengen an Schnee, dass der Sommer nicht reicht, um ihn zu tauen. Der Gletscher bewegt sich im Vergleich zu anderen mit einer Geschwindigkeit von 1 cm am Tag sehr schnell.

Industrieeis

Bevor die Gefriertruhen modern wurden, war das Eis im Jøkelfjord ein wichtiger Rohstoff. Drei Arbeitsmannschaften arbeiteten rund um die Uhr, um Eis aus dem Gletscher zu brechen. Das Eis glitt auf eine Rinne und direkt an Bord der wartenden Boote, welche die Fischindustrie in ganz Nordnorwegen mit Eis versorgten. Das war natürlich nicht ungefährlich, denn man konnte von einem Eisbrocken erschlagen werden. Es gab deshalb immer einen Wächter, der das Eis beobachtete. Mitte der 1950er-Jahre wurde das Eis vom Jøkelfjord jedoch durch die Gefriertechnologie überflüssig.

Evakuierung unter dem Eis

Im Herbst 1944 wurde Kvænangen gemeinsam mit der restlichen Nordtroms zwangsevakuiert. Die Menschen am Jøkelfjord folgten jedoch der Aufforderung der London-Regierung, sich der Evakuierung zu entziehen. Direkt unter die Gletscher setzten sie Erdhütten. Die Tiere wurden weiter am Fjordinneren gehalten, der Weg zu den Ställen wurde also besonders weit. Die Bewohner des Jøkelfjordgebietes glaubten, die Alliierten seien schon nahe und dass sie nach einer bis zwei Wochen nach Hause könnten. Stattdessen wurden sie durch einen Zufall entdeckt und nach Süden über Tromsø zwangsevakuiert. Das war wahrscheinlich gut so, denn nur wenige Tage später brach ein gewaltiger Eisbrocken ins Wasser, der wohl alle Flüchtlinge getötet hätte.

Besuchen Sie den Øksfjordjøkelen

SYNATUR in Jøkelfjorden bietet täglich und den ganzen Sommer lang geführte Touren an. Das Programm ist flexibel: Wenn Gäste kommen, wird hinausgefahren. Das Ganze dauert nicht länger als eine Stunde, in der die Geschichte des Gletschers als Eislieferant für die Fischindustrie und als Versteck vor den Deutschen während der Evakuierung erzählt wird.

Außerdem ist es möglich, ein Kajak auszuleihen und zum Gletscher oder auf Schnappschussjagd in den Fjord zu paddeln. Die Kajaks sind vom Typ „Sitonthetop“, die von allen genutzt werden können. SYNATUR und BRE OG VANDRING (www.breogvandring.no) bieten auch Wanderungen auf dem Gletscher an. Dabei kann man in Gletscherspalten klettern und die fantastische Fjordlandschaft aus mehr als 1000 m Höhe bewundern. Dazu ist jedoch eine Reservierung notwendig. Zudem geht ein markierter Wanderweg in den Jøkelfjorden fast bis an den Gletscher heran. Das letzte Stück ist unwegsam und voller Felsgestein, hier geht man auf eigener Verantwortung weiter. Bereits vom Ende des markierten Weges hat man eine gute Aussicht. Die Tour dauert hin und zurück etwa 4 bis 5 Stunden.