Das Jedermannsrecht berechtigt dazu, in ganz Nordnorwegen an den Strand, in den Wald und ins Gebirge zu gehen. Man ist jedoch dafür verantwortlich, die Natur so zu hinterlassen, wie man sie vorgefunden hat!

Freiheit mit Verantwortung

Ist es wirklich so, dass wir in Nordnorwegen an jedem beliebigen Ort tun dürfen, was wir wollen? www.nordnorge.com fragte Marianne Reusch, Norwegens führende Juristin auf diesem Gebiet und Redakteurin der Internetseite www.allemannsretten.no. Ihrer Auffassung nach nehmen die Outdoor-Veranstalter den Grundsatz der freien Zugänglichkeit der Natur zuweilen sehr stark für sich in Anspruch, ohne hinreichend auf die Verantwortung jedes Einzelnen einzugehen, die sich aus den geltenden Einschränkungen ergibt. Deshalb stellen wir uns der Herausforderung, eine etwas genauere Erläuterung des Jedermannsrechtes zu versuchen.

Das Jedermannsrecht gilt in der Natur

Wo dürfen wir uns frei bewegen? Der freie Zutritt gilt nicht für städtische und dicht bebaute Siedlungen, für Privatgrundstücke mit Wohnnutzung sowie für landwirtschaftliche Nutzflächen. Diese Flächen gehören in Norwegen zur sogenannten „Innmark“ – der vom Menschen genutzten Flur. Auch Golfplätze, gewerblich genutzte Flächen wie Sandgruben etc., Friedhöfe und sonstige Gebiete, die einer bestimmten Zweckbestimmung zugeordnet sind, erfordern, dass wir uns entsprechend den dort geltenden Sicherheits- und Ordnungsregeln verhalten.

Die Natur außerhalb der „Innmark“, also die Strände, Wälder und Bergregionen oberhalb der Baumgrenze, dürfen hingegen frei betreten werden, auch wenn es sich um Privatgrund handelt. Hier gibt es in der Regel, abgesehen von weidenden Ziegen, Schafen und Rentieren, keine menschliche Aktivität. Dieses Areal, das den Löwenanteil Nordnorwegens ausmacht, ist in der Regel jedermann zu Erholungszwecken zugänglich. Die Fortbewegung in der Natur ist im norwegischen Gesetz zur Erholung in der Natur (Friluftsloven) von 1957 geregelt und setzt die Respektierung landwirtschaftlicher Aktivität, der Eigentumsverhältnisse und der Natur an sich voraus.

Wer sind die Grundeigentümer?

In den Bezirken Nordland und Troms gehören die Küstengebiete bis zu den Berggipfeln hinauf häufig zahlreichen privaten Grundeigentümern, in der Regel den an der Küste und in den Tälern ansässigen Landwirten. Ein Angelsee oder ein Wanderweg kann daher viele verschiedene Grundeigentümer haben. Im Binnenland dieser beiden Bezirke ist das staatliche Forstunternehmen Statsskog ein bedeutender Grundeigentümer. Im Bezirk Finnmark befinden sich 95% der Fläche im Besitz der Verwaltungsgesellschaft Finnmarkseiendommen, die wiederum allen Einwohnern des Bezirks gemeinsam gehört.

Wandern

In der norwegischen „Utmark“, also allen Gebieten außerhalb der bewohnten und bewirtschafteten „Innmark“, darf man sich zu Fuß generell überall bewegen, wo man möchte. Das Wandern auf markierten Wanderwegen ist immer mit dem Jedermannsrecht vereinbar. Doch auch unberührte Wälder, Weiden, Gebirgsregionen und Strände sind in der Regel zugänglich. Dabei ist zu beachten, dass weidende Schafe und Rentiere nicht gestört werden dürfen. In der „Utmark“ auf einen Zaun zu stoßen, mag irritierend wirken, dieser dient jedoch dem Weidebetrieb und darf daher keinesfalls beschädigt werden. Gatter müssen nach dem Öffnen stets wieder geschlossen werden!

Zelten: Maximal zwei Tage weitab von Wohngebäuden

Wer in der Natur sein Lager zur Übernachtung aufschlägt, muss das Gelände anschließend so hinterlassen, wie er es vorgefunden hat. Dies bedeutet, jeglichen Abfall mitzunehmen und nichts zu hinterlassen als „ein Dankeschön und Nichts“, wie die Pfadfinder es auszudrücken pflegen. Man darf bis zu zwei Nächte am selben Ort verbringen, dann muss das Lager geräumt werden. Weit oben im Gebirge darf das Lager bis zu einer Woche bestehen, sofern es sehr abseits in wenig frequentiertem Gelände liegt. Das Lager darf die ansässige Bevölkerung nicht belästigen, weshalb man nur mit reichlich Abstand vom nächsten Haus, mindestens 150 Meter, zelten darf. Das Zelten in den halboffen Rastplatzbauten (Gapahuk), auf Spielplätzen, an größeren Ausflugszielen oder sonstigen Orten, die offensichtlich der öffentlichen Nutzung dienen, ist verboten.

Radfahren und Feuermachen ist in der Wildnis verboten!

Gegen Radfahren und Reiten auf Wegen ist nichts einzuwenden – die Wege dürfen jedoch nicht verlassen werden. Die zunehmend in der Natur anzutreffenden Mountainbikes müssen sich also auf den Wegen halten, sofern vom Grundeigentümer keine anderweitige Genehmigung erteilt wurde. Aufgrund der Waldbrandgefahr ist es in Norwegen streng verboten, zwischen dem 15. April und 15. September offenes Feuer zu entzünden. Hiervon ausgenommen ist der Streifen an Ufern und am Strand, wenn die Flammen offensichtlich weit von brennbarem Material entfernt sind.

Motorisierte Fortbewegung ist verboten

Hier ist Marianne kategorisch: Motorisierte Fortbewegung in der „Utmark“, beispielsweise mit Quads oder Schneemobilen, ist für Privatleute überall verboten. Ausnahmen gelten, wenn vom Grundeigentümer eine Genehmigung eingeholt wurde, die Gemeinde einer privaten Firma die Erlaubnis für Gruppenfahrten erteilt hat oder für spezielle Schneemobilrouten.

Aus der Natur ernten – vorsichtig mit Moltebeeren, keine Orchideen pflücken

Pilze dürfen gesammelt, Beeren und Blumen gepflückt werden. Im Norden gilt eine wesentliche Ausnahme für Moltebeeren: Hier gibt es vielerorts private Moore mit Beerenbeständen, die für den Grundeigentümer gewohnheitsrechtlich eine Einnahmequelle darstellen. Solche Bereiche sind häufig durch Beschilderung gekennzeichnet. Beeren zum Verzehr vor Ort zu pflücken, ist jedoch immer erlaubt. Geschützte Pflanzenarten dürfen nicht gepflückt oder ausgegraben werden, um sie im eigenen Garten einzupflanzen. In Schutzgebieten, zum Beispiel Landschaftsschutzgebieten, Naturreservaten und Seevogelschutzgebieten, gelten besondere Einschränkungen.

Jagen und Angeln

Die Jagd und das Angeln im Süßwasser sind nicht Bestandteil des Jedermannsrechtes. Das Jagdrecht steht den Grundeigentümern zu, was aufgrund der Eigentumsverhältnisse nicht immer leicht zu überblicken ist. Auch beim Angeln in Seen sind zuweilen viele Grundeigentümer beteiligt. Das Problem kann jedoch meist gelöst werden, indem man an der nächsten Tankstelle oder am Campingplatz fragt, ob für den betreffenden See Angelkarten verkauft werden. Erstaunlich oft wird man dort die Angelkarte organisieren können! Kinder unter 16 Jahren dürfen zu bestimmten Jahreszeiten in nicht lachsführenden Flüssen und Seen ohne Angelkarte angeln, wenn sie eine normale Angel verwenden. Das Angeln in Salzwasser ist für alle frei, sofern man gewöhnliche Angeln nutzt, die in der Hand gehalten werden. Die Mindestgröße des Fisches ist jedoch zu beachten und es dürfen keine geschützten Arten geangelt werden.

Kajak und Boot

Das Meer, Seen und Flüsse dürfen prinzipiell frei befahren werden. Ausgenommen sind lachsführende Flüsse, für die im Sommer zeitweise ein Fahrverbot gilt. Mit Wasserfahrzeugen muss man dieselben Dinge beachten wie an Land und man darf nur dort an Land gehen, wo dies für die Lokalbevölkerung keine Belästigung darstellt. Naturreservate dürfen in der Brutzeit nicht betreten werden. Sie sind häufig beschildert und oft auch auf Karten gekennzeichnet. Zudem muss man zu Fischzuchtanlagen mindestens 20 Meter Abstand halten und darf nur in einer Entfernung von mindestens 100 Metern angeln.

Autofahren auf Privatstraßen

Einige Straßen in Nordnorwegen sind Privatstraßen. Diese darf man mit Genehmigung des Grundeigentümers befahren. Sollte das Befahren nicht genehmigt sein, kennzeichnet er dies in der Regel mit einem Verbotsschild. Manchmal lässt sich nicht zweifelsfrei erkennen, ob es sich um eine Straße oder einen Weg handelt. Derartige Situationen beurteilt Marianne Reusch nach dem Grundsatz: „Ist man im Zweifel, ob es sich um eine Straße handelt, ist es keine Straße". Und auf Wegen ist das Fahren nicht erlaubt!

Wohnmobile

Wenn kein Parkverbot beschildert ist, dürfen Wohnmobile an Abzweigen öffentlicher Straßen geparkt werden, jedoch nur für bis zu zwei Nächte. Auch entlang von Privatstraßen ohne beschildertes Parkverbot ist das Abstellen erlaubt, das Verlassen des Weges und Befahren des Geländes ist jedoch untersagt. Campingtoiletten dürfen niemals in der Natur geleert werden, sondern ausschließlich an Reinigungsstationen. Diese sind beispielsweise an Campingplätzen zu finden. Die norwegischen Verkehrsregeln gelten selbstverständlich auch für Wohnmobile.

Auf eigene Verantwortung

Mit der Freiheit ist auch Verantwortung verbunden. Wer auf einem glatten Fels ausrutscht und sich den Fuß bricht, kann nicht den Grundeigentümer wegen mangelnder Pflege des Geländes verklagen. Auch markierte Wanderwege werden auf eigene Verantwortung begangen. Abgefallene oder von Spitzbuben umgedrehte Schilder bilden keine Grundlage für eine Klage. Wir gehen schlicht und ergreifend auf unser eigenes Risiko in die Natur und müssen unsere Fertigkeiten selbst einschätzen.

Die norwegische Gesetzgebung gilt unabhängig vom Jedermannsrecht

Man könnte möglicherweise den Eindruck gewinnen, das Jedermannsrecht gelte ausnahmslos – dies ist jedoch nicht der Fall. Die übrigen Paragraphen der norwegischen Gesetzgebung stehen über dem Jedermannsrecht. Man darf also keine Psilopsyben essen, selbst wenn man sie selbst gesammelt hat, da sie zu den verbotenen narkotisierenden Pilzen zählen. Das Jedermannsrecht berechtigt auch nicht dazu, an einem geschützten Vogelfelsen in der Brutzeit an Land zu gehen oder geschützte Blumen zu pflücken. Auch die Beschilderung vor Ort steht über dem Jedermannsrecht. Das Jedermannsrecht befreit uns also nicht von der Befolgung der in Norwegen geltenden gesetzlichen Bestimmungen.

Zum Kleingedruckten

Weder Marianne Reusch noch www.nordnorge.com können die Haftung dafür übernehmen, alle Aspekte des Jedermannsrechtes abgedeckt zu haben. Sowohl dieser Artikel als auch die weitaus umfassendere Internetseite www.allemannsretten.no müssen als Orientierung angesehen werden und sind rechtlich nicht bindend. Doch es ist eigentlich nicht so schwer: Mit gesundem Menschenverstand und Achtung vor der Natur und den Menschen kommt man sehr weit!