Alljährlich im April machen sich Hunderttausende von Rentieren von den nordnorwegischen Hochflächen auf den Weg an die Küste. Über 2000 Rentier-Samen arbeiten dann Tag und Nacht. In Karasjok dürfen Reisende selbst mit anpacken!

Im Takt der Herde

Große Verbände mit Hunderten von Tieren pilgern gemächlich über die sanft gewellte, weiße Tundra, angetrieben von Rentierhirten auf Schneemobilen: Auf der Finnmarksvidda hat der Frühjahrsabtrieb begonnen. Im Laufe weniger Wochen werden einige hunderttausend Rentiere die Winterweide im Binnenland gegen das frische Nahrungsangebot an der Küste eintauschen. Der Tourenveranstalter Turgleder ermöglicht Touristen jedes Jahr, dieses Naturschauspiel in Kleingruppen zu begleiten. Das anerkannte amerikanische Reisemagazin National Geographic Traveler präsentierte diese Tour im Mai 2014 als Angebot, das man zumindest einmal im Leben wahrnehmen sollte.

Das „Reiseprogramm“

Auf der Finnmarksvidda bestimmt die Natur den Tagesablauf: Mahlzeiten, Ruhepausen und Schlaf richten sich nach der Verfassung der Rentiere, dem Standort der Herde und den äußeren Bedingungen wie Wind und Schneehöhe. Die Teilnehmer der Tour sind nicht nur fotografierende Beobachter, sondern beteiligen sich aktiv an der Arbeit. Jeweils zwei Personen fahren ein Schneemobil – auf diese Weise tragen sie dazu bei, die Rentiere in Richtung Küste zu treiben. Auch in den Pausen packen sie beim Aufbau des Lavvos und der Zubereitung der Mahlzeiten mit an. Es gibt Rentierfleisch in allen Varianten, außerdem wird auf dem See ein Loch ins Eis gebohrt, um den Speiseplan mit Forelle und Saibling anzureichern. Nachts wird genauso viel gearbeitet wie am Tag, Uhrzeiten oder im Vorhinein festgelegte Tagespläne sind beim Rentierabtrieb unbekannt. Der Guide von Turgleder achtet darauf, dass die Teilnehmer warm bleiben und mit Essen versorgt sind, ansonsten sitzen Rentierhirten und Touristen im selben Boot mit demselben Ziel, die Rentiere an die Küste zu lotsen.

Zehntausend Jahre alter Instinkt

Den ganzen Winter über weiden die Herden weit im Landesinnern auf der Tundra-Hochfläche, wo aufgrund des subarktischen Steppenklimas wenig Schnee fällt. Temperaturen von bis zu -30°C sorgen zudem dafür, dass der Schnee leicht und pulverig bleibt, und da es kaum einmal Tauwetter gibt, bildet sich auch keine Eiskruste auf dem Boden. Unter diesen Bedingungen können die Rentiere leicht den Schnee wegscharren, um an die Rentierflechten zu gelangen. Die Flechten müssen sich jedoch im Sommer wieder erholen, außerdem sprießt nun an der Küste, vom meterdicken Schnee befreit, saftiges Gras hervor - deshalb streben die Tiere nun instinktiv in Richtung Meer. Das Wildren wanderte vor über 10.000 Jahren nach Nordnorwegen ein und vor etwa 500 Jahren entstand die Rentierhaltung in ihrer heutigen Form mit halbdomestizierten Tieren.

Uhrzeiten spielen keine Rolle

Die Wanderung der Rentiere ist ein Prozess, der sich nicht nach der Uhr richtet –Frühlingswetter und Schneemengen bestimmen dagegen, wann es los geht und wie schnell man sich fortbewegt. Die Samen in Karasjok haben ihre Sommerweiden auf Magerøy (der Insel, auf der sich das Nordkap befindet) und auf dem dahinterliegenden Festland. Die Herden werden oft nachts weitergetrieben, da der Nachtfrost für eine gut begehbare Schneekruste sorgt, während man nachmittags bei Schneematsch und Pappschnee lieber eine Pause einlegt. Insgesamt gesehen steht bei dieser Tour der Weg im Zentrum aller Anstrengungen, er ist das eigentliche Ziel!

Kooperation mit Rentierhaltern

Der Tourenanbieter Turgleder aus Karasjok arbeitet mit einer Reihe von Familien zusammen, die Rentierhaltung betreiben. Falls eine Familie die Gäste nicht wie geplant empfangen kann, etwa weil sich die Herden verstreut haben und wieder eingesammelt werden müssen, kann Turgleder auf andere Betriebe ausweichen. Wann die Rentierwanderung einsetzen wird, können weder Turgleder noch die Eigentümer der Herden selbst im Voraus genau festlegen. Die Touren werden zwar immer Ende April / Anfang Mai durchgeführt, doch man weiß zuvor nicht, ob sich die Rentiere dann gerade in Bewegung gesetzt haben, ob die Gruppe in vollem Gang hinzustößt oder die Tiere gerade noch vor der Sommerweide erreicht. Die Tourenteilnehmer suchen die Herden und ihre Hirten jeweils dort auf, wo sie gerade sind.

Auf Rentierwanderung mit Turgleder

Turgleder stellt für den Rentierabtrieb Kleingruppen zusammen. Das Tourenprogramm erstreckt sich über 8 Tage, von denen man 4 Tage mit den Rentieren zusammen verbringt. Der erste Tag dient hierbei zunächst der Vorbereitung, dann sucht die Gruppe mit dem Schneemobil die Herde auf – und das Abenteuer kann beginnen. Um teilnehmen zu können, sollte man körperlich fit und ohne Bewegungseinschränkung sein. Ansonsten ist die Tour für Männer wie Frauen jeden Alters geeignet.

Tagestour

Wer nicht die Zeit und Gelegenheit hat, sich beim Rentierabtrieb zu beteiligen, kann sich den ganzen Winter über einer der Tagestouren zu den Rentierherden anschließen. Hierfür wird man mit dem Schneemobil in die Tundra gefahren, wo man die Rentiere in ihrer natürlichen Umgebung aus der Nähe erlebt und einen Einblick in den Arbeitsalltag des Hirten erhält. Selbstverständlich beinhaltet diese Tour Lagerfeuerromantik mit Rentierfleisch und Kaffee und man darf mit zahlreichen schönen Fotomotiven von Rentieren rechnen, die zwischen Bäumen oder auf der weißen Tundra weiden.

Nähere Informationen

Turgleder bietet eine informative Internetseite, die neben der Rentierwanderung auch weitere Touren vorstellt. Interessant sind auch die Nordlichtjagd mit Schneeschuhen und die langen Skitouren über die Finnmarksvidda.