Wer auf dem Gipfel des 1262 Meter hohen Møysalen steht, kann vom Atlantik bis nach Schweden und von Bodø bis zur Insel Senja blicken. Ein derart grandioses Panorama ist nicht umsonst zu haben, doch der Lohn der Mühe ist einfach umwerfend.

Auf dem Dach der Vesterålen

Der Møysalen auf der Insel Hinnøya ist mit 1262 Metern der höchste Punkt der Vesterålen und Norwegens zweithöchster Berg auf einer Insel. Er thront über dem Sortlandssund und Raftsund, flankiert von den Møyene, zwei säulenartigen Felsformationen, und ist somit fast überall auf dem Inselreich zu sehen. Die Besteigung ist eine Herausforderung, jedoch keine Extremtour, und wird mit einer Aussicht belohnt, die über einen Großteil der Nordkalotte reicht.

Märchenhafte Anfahrt mit dem Boot

Der Møysalen liegt mitten im Nationalpark Møysalen. Die organisierten Touren starten in Hennes an der Westküste der Insel Hinnøy.  www.nordnorge.com war im Vorfeld der Tour ein wenig nervös, dann jedoch sehr erleichtert, als unser Bergführer, der 125 Møysal-Touren vorweisen konnte, uns im Nationalparkzentrum auf das Vorhaben einstimmte. Dann ging es zunächst eine halbe Stunde mit dem Boot über den Lonkanfjord landeinwärts, wobei sich der Møysalen schon vom Wasser aus ehrfurchtgebietend über die schroffen, dunklen Berggipfel erhebt. Er wirkt so steil, dass man Zweifel bekommt, ihn als Normalwanderer überhaupt besteigen zu können.

Durch das Fjelldal

Die Tour startet mit einer Wanderung entlang des Lonkanfjords, anschließend beginnt der Anstieg durch ein relativ flaches, bewaldetes Tal. Hier folgt man der Trasse einer Schmalspurbahn, die gebaut wurde, um die Eisenerzvorkommen der Region zu erschließen. Schon im Tal beginnen die Strapazen: scharfe Geröllblöcke, loser Kies und steile Bergflanken fordern den Wanderer heraus. 400 Höhenmeter später erreicht man schließlich ein sanfteres Gelände mit einem malerischen blauen Bergsee, umgeben von sattgrünem Moos und bunten Bergblumen, wo wir dankbar unsere Mittagspause einlegten. Auf 600 Höhenmetern füllten wir schließlich unsere Flaschen ein letztes Mal.

Zwei Gletscher

Um den Gipfel zu erreichen, muss man zwei kleinere Gletscher überqueren. Der untere auf etwa 700 Höhenmetern hängt wie ein Balkon an der Bergflanke. Man wandert bei leichter Steigung am Gletscherrand entlang, eine Sicherung ist hier nicht nötig. In Gipfelnähe ist jedoch noch ein steiler Hanggletscher zu überwinden – sollte man hier abrutschen, hätte das fatale Folgen. Deshalb wird er am Seil überquert, nach einigen hundert Metern ist die Strecke jedoch bereits geschafft.  

Endspurt zum Gipfel

Zwischen den beiden Gletschern geht es über sehr vielfältiges Gelände stetig bergauf. Immer wieder einmal muss man ein wenig klettern oder sich an Drahtseilen festhalten, an einer Stelle auch eine etwas höhergelegene Geländestufe überwinden. Andernorts schreitet man entspannt auf breiten Pfaden mit fantastischem Blick auf die gesamten Vesterålen. Dazwischen grüßt der Troll herüber, eine Felsformation in etwa 900 Metern Höhe.

Die Welt zu unseren Füßen

Endlich erreichten wir den Gipfel, der alles bisher gesehene noch einmal in den Schatten stellt. «Seht ihr den großen, weißen Fleck dort?», fragte der Führer in die Runde. «Das ist der Gletscher Frostisen. Daneben erahnt man einen fernen Berg mit Schneeflecken. Das ist der Kebnekaise, Schwedens höchster Berg». Viel näher ist der Stetind erkennbar, Norwegens Nationalberg. Im Westen liegen die Inseln und Berge der Vesterålen wie eine Landkarte in Blauschattierungen mit der Sortlandsbrücke, der Hadselbrücke und der Insel Gaukværøy als deutliche Landmarken. Die gezackten Gipfel der Lofoten erheben sich im Südwesten aus dem Meer. In Richtung Süden glitzert der Vestfjord in der Sonne, dahinter schimmern im fernen Blau die Gipfel der Steigartinder und ganz im Hintergrund erahnen wir sogar die Insel Sandhornøya südlich von Bodø. Im Norden spitzt zwischen den Bergen, Seen und Fjorden von Hinnøya die Atlantikküste von Senja hervor.

Abstieg

Im goldenen Abendlicht machten wir uns auf den Rückweg. Dieser ist kein bisschen leichter als der Aufstieg, da man sich nun wieder an den Drahtseilen herabhangeln, über die Geröllblöcke balancieren und auf losem Kies den Weg nach unten bahnen muss. Glücklicherweise hatten wir noch eine Extraration eingepackt, die wir uns bei einer erholsamen Pause am ersten Bach schmecken ließen. «Adieu, Møysalen», sagte eine Tourenteilnehmerin mit brennenden Füßen und schmerzenden Knien, während sie sich auf dem Boot noch einmal zum Berg hin umdrehte, «das hier werde ich nie vergessen».

Für wen ist die Møysalen-Besteigung geeignet?

Der Møysalen ist kein Jedermann-Berg. Beim Anstieg sind einige Kletterstellen zu überwinden, man muss sich gut am Fels festhalten und manchmal weiterspringen, da das Gelände vielfach aus Geröll, Felsen und losem Kies besteht. Ausgesetzt ist jedoch nur ein kurzer Abschnitt und wer unter Höhenangst leidet, kann diesen auch umgehen. Wer in allgemein guter Form ist, regelmäßig Bergtouren mit über 1000 Höhenmetern Anstieg geht, sich nicht scheut die Hände hinzuzunehmen und gute Bergschuhe dabei hat, müsste den Møysalen in der Regel meistern. www.nordnorge.com traf auf dem Weg sowohl fitte Rentner als auch Kinder im Alter von 10-12 Jahren.

Am besten als geführte Tour

Zur eigenen Sicherheit sollte man sich für die Besteigung einer organisierten Tour anschließen –wegen des oberen Gletschers, den man nur als Seilschaft überqueren kann. Nur Bergsteiger mit Gletschererfahrung und der erforderlichen Ausrüstung zur Gletschersicherung können diesen Abschnitt ohne Bergführer gehen. Auf unter 800 Metern gibt es zudem keinen Handyempfang – man ist also wirklich alleine, falls etwas passieren sollte. Die Bergführer haben eine gesonderte Funkverbindung mit dem Nationalparkzentrum und können bei Bedarf Hilfe rufen. Vom Nationalparkzentrum aus starten in der Sommersaison täglich Touren. Solide Bergstiefel, eine winddichte Jacke, Wollkleidung zum Unterziehen, Mütze, Handschuhe und drei Essenspakete gehören mit zur Ausrüstung.

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