Nach Wochen und Monaten der Polarnacht blitzt plötzlich die Sonne wieder über den Horizont und taucht die blassblaue Landschaft in Rosa und Orange. Dieser kurze Augenblick markiert den Beginn des beliebten „hellen“ Winters!

Sonnenkult

Am 18. Januar erhebt sich die Sonne über den Gipfel des Nissvasstinden auf Austvågøya ganz im Süden der Vesterålen, und ihre Strahlen treffen auf die Spitze eines eineinhalb Meter hohen, vermutlich vor 1500 Jahren errichteten Bautasteins am Friedhof der Kirche Hadsel auf Hadseløya, während der Friedhof und die Kirche selbst im Schatten verbleiben. Funde von Tierknochen- und Feuerresten deuten darauf hin, dass hier einst Opferrituale stattfanden. Der Stein war somit vermutlich Schauplatz eines Sonnenkults – eine lokale Ausgabe von Stonehenge sozusagen. Es ist sicher auch kein Zufall, dass die späteren Christen die alte Kultstätte als Standort für ihre Kirche wählten.

100 000 Krapfen

In Tromsø ist es Tradition, am 21. Januar Krapfen zu essen, die später zu „Solboller“ – Sonnenkrapfen umgetauft wurden und in verschiedenen Varianten zu haben sind. Während mit Zucker bestreute Berliner ungefüllt sind, weisen Zuckerguss auf eine Himbeerfüllung und Puderzucker auf Vanille hin, was eine neuere Variante darstellt. Die Bäckereien arbeiten in dieser Nacht auf Hochtouren, um alle Geschäfte, Büros, Schulen und Kindergärten mit herrlichem Krapfenduft zu füllen. Am großen Tag selbst pilgern schließlich tausende Menschen warm eingepackt, mit einer Thermoskanne Kakao und einer Tüte Sonnenkrapfen im Gepäck, zu den Aussichtspunkten der Insel Tromsøya, um nach zwei Monaten den ersten Sonnenstrahl gebührend zu feiern.

Ein Salutschuss zur Begrüßung

Die Festung Vardøhus empfängt die ersten Sonnenstrahlen über dem Varangerfjord im Süden mit einem Salutschuss aus ihren historischen Kanonen. Das genaue Datum ist vom Wetter abhängig: Sobald die Sonne tatsächlich zu sehen ist, wird geschossen, und die Schulkinder haben für den Rest des Tages frei. In Vardø erreicht die Sonne bereits um 11 Uhr vormittags ihren höchsten Punkt – die Stadt liegt weiter östlich als Istanbul und Alexandria – weshalb noch genügend Zeit für Schneeballschlachten und Schlittenfahrten bleibt.

Sonnenfestival im äußersten Norden

Longyearbyen auf Spitzbergen als nördlichste Wohnsiedlung der Welt feiert natürlich am spätesten. Am 8. März ziehen große Teile der Bevölkerung zur Treppe des alten Krankenhauses, um dem Augenblick beizuwohnen, wenn die Sonne erstmals über dem Longyeargletscher hervorlugt. Dies ist dann auch der Startschuss für über 20 Veranstaltungen mit Konzerten, Kinderfest, Gottesdienst im Freien, Kunstausstellungen und Vieles mehr. Die Spitzbergener arbeiten im Alltag hart – aber sie feiern auch eben gerne!

Wer ist der erste?

Nordnorwegen ist Gebirgsland, weshalb der erste Sonnenstrahl an verschiedenen Orten zu höchst unterschiedlichen Zeiten auftaucht. In den schattigen Gemeinden am Fuße der Lyngsalpen gilt es unter Skisportlern als prestigeträchtig, sich vor allen anderen zu den zartrosa gefärbten Gipfeln aufzumachen und die Sonne über der Berglandschaft zu begrüßen. Bei der anschließenden Abfahrt durch den unberührten Pulverschnee lässt sich das Privileg, der erste gewesen zu sein, weidlich auskosten.

Ganz Nordnorwegen in Feierstimmung

Überall jenseits des Polarkreises feiern Schulen, Kindergärten und Unternehmen die Rückkehr der Sonne mit Gebäck, Limonade und Kulturveranstaltungen. In Svolvær stehen die Kinder auf der Svinøybrücke und verfolgen die über dem Vestfjord aufsteigende Sonne, während die Montessorischüler in Narvik selbst gebastelte Ballons aufsteigen lassen. Das kleine, aktive Honningsvåg präsentiert im Rahmen des Kulturfestivals Sunshine alles, was man hier an der äußersten Spitze des Kontinents zu bieten hat.